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| Welt am Sonntag, 30. November 2008 von Christoph
Forsthoff
Ein Star wider Willen Cellist Daniel Müller-Schott konzertiert mit den großen Orchestern der Welt, spielte Schostakowitsch beim Rockfestival in Roskilde. Jetzt kommt er für einen Kammermusikabend nach Hamburg Als neuen "Stern am Cellohimmel" bezeichnete ihn die kanadische Presse nach seinem dortigen Debüt, die "New York Times" bejubelte ihn als Musiker, der eine gehörige Dosis Adrenalin verabreiche: Daniel Müller-Schott ist schon in jungen Jahren zu einem Star geworden. Beeindruckend die Ernsthaftigkeit, mit der sich der gebürtige Bayer den großen Werken seines Genres widmet, sympathisch seine nach wie vor bescheidene Art im Auftreten. Nun kommt der 32-Jährige am 6. Dezember mit dem Vogler Quartett in die Laeiszhalle. Auf dem Programm stehen Werke von Haydn, Arensky und Schubert. Herr Müller-Schott, gab es einen Masterplan für Ihren Aufstieg in den Cello-Olymp? Müller-Schott(lacht): Das wäre gerade in meinem Beruf eher kontraproduktiv. Man muss hineinwachsen, auch um über die Jahre feststellen zu können: Wie komme ich zurecht mit dem Leben als Musiker? Denn das bedeutet ja nicht nur, sein Instrument zu spielen, sondern solch eine Tätigkeit betrifft ja das ganze Leben: Wie komme ich etwa mit dem Reisen klar oder auch mit der Situation, häufig allein zu sein? Trotzdem: Bei Ihnen hat der bei vielen anderen Musikern übliche Wunderkind-Status völlig gefehlt ... Müller-Schott: Gott sei Dank! ... und dennoch sind Sie nun ein Star. Müller-Schott: Ganz sicher hat mir diese kontinuierliche und vielleicht auch etwas ruhigere Entwicklung nicht zuletzt auch als Person gut getan. Ich konnte als Musiker langsam heranreifen - für Wunderkinder, die im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stehen, ist das sehr schwierig, denn durch die Erwartungshaltung und den großen Druck von außen wird ihnen die Konzentration auf Inhalte sehr erschwert wie auch eine freie Entwicklung der Persönlichkeit. Zudem hatte ich ein sehr gutes Umfeld, denn meine Eltern haben auch nach meiner Teilnahme mit 15 Jahren am Tschaikowsky-Wettbewerb sehr darauf geachtet, dass ich nicht sofort von allen Agenten-Haien überfallen und mein Talent ausgeschlachtet wurde. Haben Sie sich niemals wehren müssen, als jungvirtuoser Tausendsassa vermarktet zu werden? Müller-Schott: Es gab schon Situationen, wo ich ganz bewusst abgebremst und gesagt habe: Jetzt möchte ich weniger machen und mich aufs Studium konzentrieren. Doch geholfen hat mir zweifellos auch, dass ich mit dem Cello ein Instrument spiele, das nicht so im Fokus steht wie die Geige oder das Klavier. Ein Rezept, um ein Star zu werden, könnten Sie also gar nicht geben? Müller-Schott: Das ist ganz schwierig. Natürlich beobachten wir ja alle, dass auch die klassische Musik in eine zunehmende Abhängigkeit von den Medien gerät und auch Veranstalter immer mehr auf einen gewissen Event-Charakter setzen. Doch die Klassik ist nun mal keine Musik für Millionen, sondern hat einfach einen viel intimeren Charakter als etwa Popmusik. Und dessen sollte man sich einfach bewusst sein, wenn man sich für die klassische Musik entscheidet. Und wenn man ein Star werden will, ist die Klassik ohnehin das falsche Metier: Da sollte man lieber Fußballer werden. Bei Ihren Aufnahmen setzen Sie eher auf selten gespielte Werke wie die Konzerte von Walton, Raff oder Khachaturian. Woher rührt dieses Interesse für vernachlässigte Werke? Müller-Schott: Das hat Rostropowitsch angestoßen, indem er mich angeregt hat, doch einmal das historische Umfeld eines Werks näher zu betrachten und mir zu überlegen, warum etwa ein Dvorák-Konzert so großartig und außergewöhnlich ist. Das aber kann ich nur erkennen, wenn ich auch andere Werke aus dieser Zeit wirklich studiere: Ein Joachim Raff etwa war zu seiner Zeit ein sehr angesehener Komponist, der wirklich interessante Stücke für Cello und Orchester geschrieben hat. Die kennt man aber heute überhaupt nicht mehr. Und mir macht es sehr große Freude, die Schönheit solcher weniger bekannten Konzerte zu erkunden - und da gibt es noch viel zu entdecken! Als CD-Debüt haben Sie als 24-Jähriger die Bach-Suiten eingespielt - hatten Sie da keine Bedenken, Ihnen könnte noch die nötige Reife fehlen? Müller-Schott: Ich habe schon durchaus Zweifel gehabt, ob das richtig sei oder ob nicht doch ein anderes Repertoire "leichter" wäre. Aber die Idee, Musik aufzunehmen, mit der man die längste Zeit seines Lebens verbracht hat - und ich habe die erste Bach-Suite mit sechs Jahren studiert! - war dann einfach so überzeugend für mich, dass ich das Wagnis eingegangen bin. Ich glaube, dass man Bach nicht nur zu jeder Lebensphase spielen kann, sondern sogar spielen muss. Aber lassen sich diese Suiten in so jungen Jahren schon in ihrer ganzen Tiefe erfassen? Müller-Schott: Wer als Musiker glaubt, nur in die Tiefen vordringen zu können, wenn man sich den Arm gehackt hat oder unglaublich physisches oder psychisches Leid erfahren hat, der liegt falsch. Natürlich gibt es Leute, die Schlimmes erfahren und daraus vielleicht noch einen tieferen Einblick gewonnen haben, aber ebenso gibt es den umgekehrten Fall: Menschen, die an eben diesen Krisen zerbrochen sind und dann keine Musik mehr spielen konnten. Zumal ja das Musizieren an sich schon eine Gratwanderung ist: Einerseits musst du sehr empfindsam sein - doch wenn du dann auf die Bühne gehst und vor 2000 Leuten spielst, brauchst du auch eine gewisse Stabilität, und die musst du ja auch irgendwoher beziehen. Über selbige verfügen Sie zweifellos, sonst hätten Sie wohl kaum das 1. Cellokonzert von Schostakowitsch im Sommer beim Rockfestival im dänischen Roskilde gespielt. War das nur ein netter Gag oder lässt sich auf diese Weise auch neues Publikum für die Klassik gewinnen? Müller-Schott: Ich glaube schon, dass das möglich ist. Natürlich haben wir in Roskilde verstärkt gespielt, und der Lärmpegel war gigantisch, denn die Leute unterhielten sich ja weiter. Andererseits hat es richtig Spaß gemacht, dem etwas entgegenzusetzen, zu sagen: Ich bin so rückhaltlos überzeugt von diesem Schostakowitsch-Konzert, ich möchte dieses Werk den Menschen richtig einbrennen, weil das so tolle Musik ist! Und das hat auch funktioniert, es gab richtig Szenenapplaus, natürlich vor allem bei virtuosen und lauten Stellen, doch auch in introvertierteren Momenten habe ich gemerkt, dass plötzlich der Lärm abnahm und die Leute wirklich zuhörten. Und ich bin sicher, sie werden das nicht vergessen: Denn wenn man auf zahllosen Rockkonzerten gewesen ist und auf einmal ein Klassikkonzert hört, ist doch klar, worüber man redet - über das, was aus dem Rahmen fällt. |
14. September 2006 Auf dem Weg zur Weltspitze PFORZHEIM. „Die Beschäftigung mit unbekannteren Werken schärft den Blick auf die wenigen Meisterwerke der Celloliteratur“. Daniel Müller-Schott, der sich in wenigen Jahren eine internationale Reputation erspielen konnte, gehört nicht zu den Künstlern, die sich mit der Wiedergabe eines übersichtlichen Standardrepertoires zufriedengeben. Einerseits setzt er sich für vergessene Kompositionen wie den beiden Cellokonzerten des Romantikers Joachim Raff ein, anderseits ist er sehr an der Gegenwartsmusik interessiert. So spielte er die Uraufführung der Cellosonate von Olli Mustonnen, und vor wenigen Tagen erst war er einer der Geburtshelfer für das Klaviertrio von Matthias Pintscher. „Das Werk ist ungemein komplex, die Rhythmik sehr schwierig und zudem ist es durchgängig atonal“, erläutert Müller-Schott. Interesse an der Moderne Doch sei die Zusammenarbeit mit Pintscher bei den Proben sehr inspirierend gewesen, ein „Geben und Nehmen“, das der Cellist sehr schätzt. „Die Vorbereitung einer Uraufführung mit dem Komponisten ist eine sehr anregende Arbeit“, so könne der Interpret die Intentionen des Komponisten besser begreifen, andererseits könne dieser bei den Proben noch Details verändern, da sich die Vorstellungen beim Komponieren häufig nicht mit der klanglichen Realisierung decken würden. Bei der Uraufführung in der Frankfurter Alten Oper musizierte der Cellist gemeinsam mit der jungen Geigerin Julia Fischer, seit ungefähr fünf Jahren eine der regelmäßigen Kammermusikpartnerinnen Müller-Schotts (siehe auch „CD-Tipp“). Festlegen auf wenige Mit-Musiker möchte er sich nicht, erweitert er seinen musikalischen Horizont doch durch wechselnde Partnerschaften wie beispielsweise mit dem Pianisten Bernd Glemser, der ihn für sein „Artist in Residence“-Projekt bei den Maulbronner Klosterkonzerten eingeladen hat. „Im vergangen Jahr hat mich Bernd Glemser angerufen und gefragt, ob wir zusammen etwas ausprobieren könnten.“ Daraus resultiert Morgen ihr erster gemeinsamer Duo-Abend im Laienrefektorium. Von der Frankfurter Alten Oper über Konzerte in Oslo, Aufnahmen in Venedig kommt Müller-Schott dann nach Maulbronn. Dies ist typisch für den erfolgreichen Solisten und Kammermusiker, der im Jahr 70 bis 80 Konzerte spielt. „Ich reise gern“, sagt der Cellist, der in den unterschiedliche Städten seinen Interessen an Kunst und Architektur frönen kann. Neues zu erleben und Bekanntes immer wieder aus anderen Blickwinkeln zu sehen, dies ist wichtig für den Künstler, zu dessen Popularität auch seine Zusammenarbeit mit der Stargeigerin Anne-Sophie Mutter beigetragen hat. Er sei früh von der Anne-Sophie-Mutter-Stiftung gefördert worden, ergänzt Müller-Schott, der auf Tourneen mit der Geigerin und ihrem damaligen Mann André Prévin späte Klaviertrios von Mozart musiziert hat. „Anne Sophie-Mutter hat eine Vielzahl von Klangfarben zur Verfügung“, kommt er ins Schwärmen. Aber auch die Begegnung mit dem erfahrenen Kammermusiker und Dirigenten Prévin hatte für den Cellisten positive Folgen: „Er hat als Dirigent mit mir die Cellokonzerte von Elgar und Walton eingespielt“. Dabei sei die große Erfahrung, die Prévin als langjähriger Chefdirigent des London Symphony Orchestra mit englischer Musik hat, von großer Hilfe gewesen, andererseits sei der Dirigent mit Walton befreundet gewesen, was sich bei der intensiven Vorbereitung der Aufnahme ausgewirkt habe. Stillstand ist für den jungen Interpreten ein Fremdwort, die Suche nach Neuem schlägt sich auch in seinen noch unveröffentlichten Aufnahmen von Gambensonaten von Johann Sebastian Bach mit Angela Hewitt ebenso nieder wie im Brahmschen Doppelkonzert mit Julia Fischer. Und auch die Moderne werde in Zukunft nicht zu kurz kommen. „Ich möchte unbedingt meine Beschäftigung mit Gegenwartsmusik auch auf Einspielungen dokumentieren.“ Daniel Müller-Schott und Bernd Glemser musizieren am Freitag, 15. September, um 20 Uhr in Maulbronn Werke von Bach, Brahms Schumann und Schostakowitsch. CD-TIPP Entlegene Repertoirepfade Einen Bekanntheitsschub erhielt der Cellist Daniel Müller-Schott durch die Mozart-Klaviertrios KV502, 542 und 548, die er gemeinsam mit André Previn und der Geigerin Anne-Sophie Mutter aufgenommen hat (Deutsche Grammophon CD 4775796). Noch überzeugender ist sein Spiel bei den beiden Klaviertrios von Mendelssohn Bartholdy, die er mit der Geigerin Julia Fischer und Jonathan Gilad (Pentatone PTC 5186085, über Codaex) vorgelegt hat. Vorantreibende Emphase mischt sich hier mit kammermusikalischer Transparenz. Auch mit Schuberts Quintett, dass er mit dem Vogler-Quartett eingespielt hat (Profil Hänssler PH 05051, über Naxos) kann er überzeugen. Müller-Schotts Interesse an weniger ausgetretenen Repertoirepfaden unterstreicht eine Joseph Joachim Raff gewidmete CD (Tudor 7121, über Naxos), bei der der Cellist die beiden Konzerte Raffs unter der Leitung von Hans Stadlmair mit den Bamberger Symphonikern musiziert. Virtuosität und romantische Ausdruckskraft halten sich hier die Waage. Musikalisch gewichtiger ist die Kombination des Elgar- mit dem Walton-Konzert (Orfeo C 621061 A). Das von Andre Previn geleitete Oslo Philharmonic Orchestra unterstützt Müller-Schott bei seinem Weg durch die spätromantischen Ausdruckswelten. |
GRAMOPHONE spricht mit ….Daniel Müller-Schott (August 2006) Der erfolgreiche deutsche Cellist auf englischen Pfaden Welchen Ruf haben die Stücke von Elgar und Walton bei nichtenglischen Cellisten und was können Sie als Deutscher einbringen? Das Elgar-Konzert wird in Deutschland recht häufig gespielt, Walton hingegen ist nur selten zu hören. Für mich haben beide Stücke schon immer zu den großartigsten Meisterwerken für das Cello gezählt. Ich hoffe, dass ich mit dieser Aufnahme zu ihrer Verbreitung beitragen kann. Der Walton fasziniert mich besonders, weil das Stück zugleich die Innovationen seiner Zeit verkörpert und doch weiterhin in der romantischen Tradition Englands steht. Durch die Kombination dieser Einflüsse schuf Walton eine sehr persönliche musikalische Sprache, die kein anderer Komponist entwickelt hat. Wie nähern Sie sich einem Werk, hinter dem das Schreckgespenst der klassischen Aufnahmen steht? Ich versuche, nicht daran zu denken. Natürlich werde ich von Aufnahmen, die ich gut kenne, beeinflusst. Am häufigsten höre ich Beatrice Harrison mit Elgar als Dirigenten, und auch Pablo Casals. Aber eine Interpretation dieser Stücke reflektiert immer auch die Zeit, in der man lebt, sowie die eigenen Gefühle und Erfahrungen. Das Werk von Elgar ist jetzt eine Umkehrung unseres heutigen hektischen Lebens. Er selbst hatte diese Operation und war am Ende seines Lebens angelangt, er dachte über seine sterbende Frau und den Ersten Weltkrieg nach. Das Stück reflektiert dies und handelt von Einöde und Einsamkeit. Auch wenn der Kontrast zur heutigen Zeit vielleicht nicht unbedingt hilft, beeinflusst er aber doch die Art, wie man es spielt. Ihr Vater ist Mathematiker. Ihr Spiel wirkt sehr frei und ausdrucksvoll. Haben Sie auch eine wissenschaftliche Seite in sich? Absolut. Mich fasziniert die Struktur in der Musik. Wenn ich anfange ein Stück zu lernen, untersuche ich zuerst seinen Aufbau, die Art und Weise, wie die Themen und Harmonien zusammenpassen. Ich setze mich erst ans Cello, wenn ich die Struktur des Stückes vollständig verstanden habe. Ich muss in meinem Kopf die Kontrolle darüber haben und von dieser Kontrolle kommt dann die Freiheit, mich gehen zu lassen und die Musik in meinem Bauch zu spüren. Sie haben in sehr jungem Alter den Tschaikowsky-Wettbewerb gewonnen. Wie sind Sie mit dem Druck fertig geworden? Ich habe mich gegen einige alberne Crossover-Projekte gesträubt – das ist das Gegenteil dessen, was ich plane. Ich bin jetzt besonders daran interessiert, mehr mit lebenden Komponisten zu arbeiten. Die Arbeit mit zeitgenössischen Komponisten ist aufregend und es hilft außerdem, die Komponisten der Vergangenheit besser zu verstehen. Und das gibt mir neue Inspiration. |
FAZ, 23. Januar 2005 von Michael Gassmann Rausch und Bogen Als wir mit dem Auto in die Garage einbiegen, fällt das Licht der Scheinwerfer auf wilde Graffiti an den Garagenwänden. Sie stammen von ihm, früher hat er viel gesprayt, “aber nur legal”, wie er beteuert. Das war, bevor er wußte, daß er auf jeden Fall Cellist werden wollte. Damals hätte es vielleicht auch Malerei werden können, dafür interessiert er sich noch heute, aber die Sache ist jetzt klar: Daniel Müller-Schott, 28 Jahre alt, befindet sich auf dem Weg zur Weltspitze der Cellisten. Müller-Schott ist in eine musikalische Familie hineingeboren. Seine Mutter unterrichtet Cembalo an der Münchner Musikhochschule, und es war ganz normal, daß man zuhause Kammermusik machte. Erst später entdeckte er das Solospiel als Ausdrucksform. Das kam mit der Zeit, als er merkte, “daß Musik eine tiefere Wirkung auf mich hat, und ein Teil von mir sich in der Musik ausdrücken und verwirklichen möchte.” Die Entscheidung für ein Leben mit dem Cello fiel in Moskau. Mit fünfzehn Jahren gewann Müller-Schott den ersten Preis beim Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerb. Das war ein früher nDurchbruch, man began, sich für ihn zu interessieren. Das Erstaunlichste an Daniel Müller-Schotts Karriere ist vielleicht, daß sie so unangestrengt wie stetig aufwärts verläuft. Zu den ersten Erfolgen trugen gute Lehrer bei: Walter Nothas in München, Heinrich Schiff in Salzburg, Steven Isserlis in Großbritannien. Die Förderung durch Anne-Sophie Mutter verhalf ihm zu einem sehr guten modernen Cello von Etienne Vatelot und zu vielen Kontakten, aus denen sich wieder Kontakte ergaben – ein Dominoeffekt. Heute tourt er als Solist um den halben Globus. Von den Krisen, die anderen Hochbegabten gelegentlich zusetzen, blieb er verschont. Wenn er die vielen jungen Geigerinnen sehe, die jede Saison kurzfristig Furore machen, dann frage er sich schon: “Wo sind die gleichaltrigen Herren?”, sagt er. Natürlich nutzt er auch den Charme seines jugendlichen Aussehens und freut sich, wenn er auf den vielen schicken Fotos, die seine Cds schmücken, nicht aussieht “wie Quasimodo”. Aber das sei “nicht entscheidend”. Wenn man Cello spielt, verläuft die Karriere ohnehin etwas
ruhiger. Um das Instrument physisch zu beherrschen, muß man
ein gewisses Alter erreicht haben. Da gilt man mit dreißig
noch als jung. Müller-Schott ist nun schon fast berühmt,
aber die Boulevard-Blätter wird er wohl nicht erobern. “Das
schöne an der klassischen Musik”, sagt er, “ist,
daß man bekannt sein und trotzdem ein privates Leben führen
kann.” Fragt man ihn nach seinen nächsten Zielen, dann
nennt er zuerst die Durchsetzung seiner Repertoirvorstellungen.
Mstislaw Rostropowitsch hat in ihm das Interesse an entlegener
Literatur für sein Instrument geweckt: Als er dem Altmeister
das erste Mal vorspielen sollte, verlangte dieser ausgerechnet
die selten aufgeführte Hindemith-Solosonate zu hören.
Seitdem, erzählt Müller-Schott, bemühe er sich selbst
um neues und vernachlässigtes Repertoire. Gerade hat er die
beiden Cello-Konzerte des Liszt-Zeitgenossen Joseph Joachim Raff
auf CD herausgebracht und eine eigene Bearbeitung der Violinsonate
a-Moll von Robert Schumann. Solche Stücke in Konzertprogrammen
unterzubringen, sei leider immer wieder schwierig: “Aber
ich kämpfe dafür.” Der Kampf wird vom Schreibtisch
aus geführt, mit Telefon, Computer und Terminkalender. Auf CD lassen sich die eigenen Repertoire-Vorstellungen leichter verwirklichen, aber auch dieses Geschäft hat Untiefen. Müller-Schott hat schon für mehrere Plattenfirmen Aufnahmen gemacht. Und wenn auch das Münchner Unternehmen Orfeo die meisten Platten des Künstlers im Katalog hat, so vermeidet Müller-Schott doch den Langzeitvertrag. Zu sehr schrecken die rigiden Forderungen der großen Labels ans Repertoire ihn ab, zu sehr ärgern ihn Verträge, die den Solisten, wenn er denn mal ein Standardwerk einspielen darf, zur gleichzeitigen Produktion einer leicht verkäuflichen Crossover- oder Zugaben-CD verpflichten. Früher, schwärmt der Cellist, hätten die Firmen mit den Künstlern zusammen ein Repertoire über Jahre hinweg aufgebaut und gepflegt. Vergangene Zeiten. Überhaupt redet der Achtundzwanzigjährige viel von “früher”: Wie das damals war, als die Jugend noch in Klassikkonzerte ging, als die Leute noch nicht hoffnungslos reizüberflutet waren, und als man noch bereit war, Aufwand zu betreiben, um Musik zu verstehen. Denn das Schöne an klassischer Musik sei doch gerade, daß sie sich nicht von selbst erschließe. Wie stabil die empirische Basis dieser Einschätzung ist, vermag Müller-Schott vielleicht selbst nicht zu sagen, aber es tut auch nichts zur Sache. Denn eigentlich ist das Lob der Vergangenheit bloß die andere Seite einer radikalen Musikbegeisterung, die man naturgemäß nicht mit allen teilt. Ein bißchen Einsamkeit ist eben immer um einen, wenn man sich ganz einer Sache ergibt. Wenn Müller-Schott schwärmt, sagt er Sätze wie: “Was man in den Noten findet, löst immer neu Faszination aus.” Oder: “Die Spirale dreht sich bei mir in Richtung Euphorie.” Pläne hat er zur Genüge. Er würde gern Gesprächskonzerte machen und Jugendliche für klassische Musik begeistern. Die Konzerte von Elgar und Walton will er nächstes Jahr einspielen und irgendwann auch noch einmal die Suiten Johann Sebastian Bachs. Vor vier Jahren hatte er sie das erste Mal aufgenommen, nun will er sich mehr von der historischen Aufführungspraxis inspirieren lassen: Ein Cello aus dem neunzehnten Jahrhundert hat er zu diesem Zweck mit Darmsaiten ausgestattet. Erst seit wenigen Wochen hält er noch ein anderes Cello in
Händen, das das Instrument seines Lebens werden könnte.
Der Venezianer Matteo Gofriller hat es im Jahr 1700 erbaut, es
besitzt eine fabelhafte Balance zwischen Höhen und Tiefen,
hat Wärme und Charisma und trägt kilometerweit. Es könnte
ihn begleiten auf seinem Weg zur Weltspitze. |
DIE ZEIT, JANUAR 2003 Jugend ohne Unvernunft: Der Cellist Daniel Müller-Schott Von Claus Spahn Wann werden junge hoch begabte Musiker eigentlich erwachsen? Wenn sie als 13-jährige Wunderkinder (wie Anne-Sophie Mutter) von einem großen alten Dirigenten unter die Fittiche genommen werden oder wenn sie sich mit 16 plötzlich (wie Hilary Hahn) im Scheinwerferlicht einer internationalen Klassik-Showkarriere wiederfinden? Wenn sie mit 19 (wie Yehudi Menuhin) in die erste große Sinnkrise geraten oder wenn sie mit 24 Jahren einen Schlussstrich unter die Unfreiheit ihrer Jugend ziehen und (wie die Geigerin Viktoria Mullova nach ihrer Flucht aus der Sowjetunion) ein neues Leben beginnen? In der Biografie des 26-jährigen Cellisten Daniel Müller-Schott fehlen solche markanten Einschnitte und Brüche, als sei seine musikalische Entwicklung immer nur ein ganz entspannter und trittsicherer Gang ins Künstlerleben gewesen. Manche werden eben großartige Musiker. Einfach so. Natürlich stammt Daniel Müller-Schott aus einem Elternhaus (bei München), das seine Entwicklung begünstigt hat – die Mutter ist Cembalistin, der Vater Mathematiker. Auch einen guten Lehrer hatte er mit dem Münchner Cello-Professor Walter Nothas. Aber als Wunderkind wurde er nie herumgereicht. Nur einmal hat er geschafft, was vorher noch keinem gelang: Mit 15 gewann er als erster deutscher Musiker beim sagenumwobenen Moskauer Tschaikowski-Wettbewerb den ersten Preis. Den Sensationserfolg jedoch hat er gelassen hingenommen und bei Heinrich Schiff und Steven Isserlis weiter studiert. Die Rolle des jungvirtuosen Tausendsassas im Klassikbetrieb interessierte ihn sowieso nicht. "Wenn man Cello spielt und ein Mann ist", sagt er, „entwickeln sich die Dinge etwas ruhiger, als wenn man ein weiblicher Teenager ist und geigt.“ Kontinuierlich hat er sich sein Repertoire erarbeitet und die Konzerttätigkeit nach und nach ausgebaut, ohne beim Terminplan zu überziehen – alles mit Bedacht, alles sehr vernünftig. Ihm hätte Heinrich Schiff allemal seinen roten Porsche ausleihen können, ohne Angst haben zu müssen, dass der Wagen gegen den nächsten Baum gesetzt wird. Mit Vernunft allein wird man allerdings noch kein großer Musiker. Wenn Daniel Müller-Schott am Cello sitzt, agiert er mit einer entwaffnenden Abgeklärtheit. Technisch beherrscht er längst alle Kniffe und kurvt ganz unangestrengt durch die allerschwierigste Literatur. Klar gefasst ist bei ihm jeder musikalische Gedanke. Er bewegt sich in der Barockmusik so geschmackssicher wie im französischen Repertoire des späten 19. Jahrhunderts. Er ist nicht der Typ, der sich juvenil schwärmerischen Extravaganzen hingibt, der das Dvorák-Cellokonzert heute so und morgen so gibt. Eine interpretatorische Idealvorstellung habe er von dem jeweiligen Stück, eine Idee, der er nachstrebe, freilich mit immer neuen Erkenntnissen und Varianten, sagt er. Und: „Ich bin mir meines Musizierens sehr sicher.“ So sicher, dass er vor zwei Jahren sein Schallplattendebüt gleich mit dem Allerheiligsten des Cello-Repertoires gegeben hat, den sechs Solosuiten von Bach (Glissando 779025), während ein Jahrhundertgeiger wie Isaac Stern sich auch mit 80 Jahren noch nicht reif fühlte, Bachs Solowerke für die Schallplatte aufzunehmen. Müller-Schotts Interpretationen sind dennoch ein musikalischer Wurf – geradlinig und doch frei ausschwingend im Ausdruck. Plastisch arbeitet er die Satzcharaktere aus, intelligent disponiert er die Tempi. Wunderbar, von welch großem Atem etwa das Präludium der d-Moll-Suite durchzogen ist oder welche resignative Weltverlorenheit sich in der Sarabande der-c-Moll-Suite offenbart. Da vermählt sich die hohe Vernunft des Cellisten mit einer betörenden Empfindsamkeit, die auch seine zweite CD-Aufnahme mit Sonaten von Franck, Ravel, Debussy und Poulenc einnehmend prägt (EMI 575201). Man muss nur hören, wie der warm flutende, biegsame Cello-Ton in der großen César-Franck-Sonate weiträumig ausgreift und geradezu abhebt zu einem vom Instrument losgelösten, seelenvoll expressiven Singen. Man spürt dann, dass Daniel Müller-Schott längst zu den Besten seines Faches zählt, auch wenn sich das noch nicht überall herumgesprochen hat. Im nächsten Jahr wird er unter anderem auf eine Tournee gehen mit André Previn und Anne-Sophie-Mutter, die ihn seit Jahren unterstützt. Die drei werden Kammermusik spielen. Erwachsene unter sich. |